UFFRUR! Die Protagonist*innen
Einsatz von Künstlicher Intelligenz

Künstliche Intelligenz in AusstellungenInterpretation von Geschichte

Darstellungen von Geschichte sind immer Konstruktion und Interpretation. So hatte Kleidung schon zu Zeiten des Bauernkriegs eine symbolische Bedeutung, wie heute die neueste Mode: Sie zeigt zum Beispiel, was man sich leisten kann oder dient der Abgrenzung gegenüber anderen. In den meisten Fällen können wir diese symbolische Ebene im historischen Kontext nur schwer nachvollziehen. Wir müssen vielmehr interpretieren: Was riskierte beispielsweise die Protagonistin Magdalena Scherer, wenn sie als Baderstochter ein Barrett trug, also ein Accessoire, das man sonst nur von Männern oder höhergestellten Frauen kannte? Wofür stand dieses Barrett? Endgültige Antworten können und wollen wir nicht liefern, sondern stattdessen die Fantasie der Besucher*innen ansprechen. 

Dabei hilft uns Künstliche Intelligenz (KI): Deren Benutzung macht es möglich, in einer einzelnen Figur ein Spektrum von Bedeutungen und Interpretationen zu vereinen. Mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz verwenden wir ein zeitgemäßes Mittel, um unsere Interpretation der Geschichte zu erzeugen. KI ist bei der Kreation der historischen Figuren ein Werkzeug von mehreren, wobei wir die Regeln bestimmen, nach denen sie arbeitet. Dabei bedienen wir uns der Methode des mehrschichtigen Lernens: Die KI lernt im Arbeitsprozess schrittweise präziser zu verstehen, in welche Richtung wir eine Figur entwickeln möchten. Mit den Befehlen, die wir der KI geben, steuern wir diesen Prozess und helfen ihr zu verstehen und zu lernen. Das Ergebnis dieses Prozesses sind Kunstfiguren, wie sie auf anderem Weg kaum entstehen könnten. Sie sind keine Rekonstruktion, sondern eine moderne Interpretation mit historischem Vorbild.

Weil man dies vielleicht nicht auf den ersten Blick sieht und uns Transparenz wichtig ist, machen wir kenntlich, wo und wie Künstliche Intelligenz eingesetzt wurde. 

Für den Umgang und die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz haben wir Leitlinien formuliert. 

Die 8 Protagonist*innenKI-Figuren in UFFRUR!

Götz von Berlichingen

Götz von Berlichingen, der Ritter mit der eisernen Hand, ist wahrscheinlich der bekannteste unter den Protagonist*innen der Ausstellung. Er war ein Ritter vom alten Schlag – kampflustig und den alten ritterlichen Tugenden verbunden. Mit der Welt, wie sie um das Jahr 1525 geworden war, konnte er sich vermutlich nicht anfreunden. In den Heeren der Fürsten galt die ritterliche Kampfweise nichts mehr. Und mit vielen seiner adligen Standesgenossen, die ihr Leben an den reichen Fürstenhöfen zubrachten, wollte er nichts mehr zu tun haben.

Hat er deshalb das Kommando über einen der Bauernhaufen übernommen und die Festung des Würzburger Bischofs belagert? Er hielt sich in dieser Frage sehr bedeckt - verständlich, nachdem die Bauern eine vernichtende Niederlage nach der anderen kassierten. In der Ausstellung „UFFRUR!” wird uns Götz als KI-Figur sicher mehr über seine Beweggründe erzählen.

Ein Mann in Rüstung und mit Schwert in der Hand. Die Figur wurde durch Künstliche Intelligenz erstellt.
Mithilfe von KI erstellt
Margarete Renner

Margarete Renner trat nicht erst durch ihre Beteiligung am Bauernkrieg 1525 öffentlich in Erscheinung. Mehrfach hatte sich die Witwe aus Böckingen bei Heilbronn in den Jahren zuvor gegen als ungerecht empfundene Zahlungen aufgelehnt. Immer wieder wandte sie sich dabei mit ihren Beschwerden an den Rat oder ihre Leibherren, jedoch ohne Erfolg. 

1525 begleitete sie schließlich den „Neckartaler Haufen” als Ratgeberin. Zeitgenössische Quellen berichten über ihre Teilnahme an Plünderungen und an der „Weinsberger Bluttat”. Die Darstellung seitens der Obrigkeit als rachsüchtige und blutrünstige Frau bescherte ihr – in Anlehnung an den Status ihres Mannes als Hofmann – den Beinamen „die Schwarze Hofmännin”. Ihre Leibherren setzten sich nach der Niederschlagung des Aufstands für die inhaftierte Margarete ein. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

Eine Frau in ärmlicher Kleidung und Tuch um den Kopf streckt wütend die geballte Faust in die Lust. Die Figur wurde durch Künstliche Intelligenz erstellt.
Mithilfe von KI erstellt

Georg III. Truchsess von Waldburg

Der Adelige Georg von Waldburg, auch bekannt als „Bauernjörg”, war der Hauptgegner der Bauern. Zuvor hatte er als Diplomat, Verwalter und Militär den größeren Mächten in Süddeutschland gedient, bis ihn der Schwäbische Bund mit der Niederschlagung der aufständischen Bauern beauftragte. Georg führte ein wachsendes Heer in das Bundesgebiet, zerschlug mehrere Bauernhaufen in diversen Schlachten, ließ Dörfer angreifen und zwang die Bauern nacheinander zur Unterwerfung. Wo nützlich, führte er Verhandlungen mit den Bauernanführern und zeigte sich kompromissbereit. Auf diese Weise setzte Georg 1525 dem bewaffneten Aufstand ein Ende.

Nach seinem Feldzug machte Georg seinen eigenen Untertanen mehr Zugeständnisse als zuvor, indem er beispielsweise den Freikauf aus der Leibeigenschaft ermöglichte. 

Jörg Ratgeb

Der Maler Jörg Ratgeb war in den Jahren vor dem Bauernkrieg Bürger Stuttgarts. Außer in der Württembergischen Residenzstadt war er an unterschiedlichen Orten tätig, unter anderem in Heilbronn und in Frankfurt am Main. Ein Hauptwerk Ratgebs ist z.B. der in der Staatsgalerie Stuttgart bewahrte Herrenberger Altar (um 1519). 

Im Bauernkrieg verhandelte Jörg Ratgeb zunächst im Namen der Stadt mit den Richtung Stuttgart vorrückenden Bauern. Zwischen Ende April und Mitte Mai 1525 war er Leiter einer Bauernkanzlei. Nach der Schlacht von Böblingen floh Ratgeb, wurde jedoch gefasst und 1526 wegen Hochverrats durch Vierteilen hingerichtet. 

Jakob Murer

Jakob Murer ist der Mann, dem wir die eindrücklichste Quelle der Ereignisse des Bauernkriegs verdanken. Er war Abt des Klosters Weißenau in der Nähe von Ravensburg. Als Abt war er auch Grundherr: Ihm gehörten die Ländereien des Klosters und auch die meisten der Bauern, die das Land bebauten – sie waren Leibeigene des Abtes. So wie anderswo hatten sich deshalb auch die Bauern der Weißenau gegen ihren Abt erhoben, die Abschaffung der Leibeigenschaft gefordert und das Kloster besetzt und geplündert. Murer und die anderen Ordensleute flohen nach Ravensburg, bis der Aufstand vorbei war.

In elf Federzeichnungen hielt Murer fest, wie der Aufstand seiner Bauern begonnen hat, wie sich die Bauern formiert hatten, wie sie das Kloster einnahmen, und wie sie schließlich, nachdem alles vorbei und die Bauern überall geschlagen waren, ihrem Abt und Herrn erneut den Treueeid leisteten. Die „Weißenauer Chronik” wird im Original in der Ausstellung in Bad Schussenried zu sehen sein!

Stefan Rahl

Einer der Bauern aus der Grundherrschaft der Abtei Weißenau war Stefan Rahl. Auch er hat sich mit den anderen Bauern der Weißenau gegen den Abt erhoben und wurde zu ihrem Anführer gemacht. Unter seinem Kommando kehrten die Bauern der Weißenau schließlich im März 1525 den Rücken und schlossen sich dem Baltringer Haufen an, um sich am allgemeinen „Uffrur” zu beteiligen.

Rahl war einer der vielen Bauern unter den Aufständischen, die keinesfalls am Hungertuch nagten: Er hatte vom Kloster einen großen Hof als Lehen verliehen bekommen und es vielleicht sogar zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Diesen konnte er aber als Leibeigener nicht vererben – der meiste Besitz der Bauern, sowie der Hof fielen nach dem Tod an den Grundherrn zurück. Daher ging es Rahl wie vielen anderen vor allem um Grundsätze wie mehr Teilhabe und Mitsprachrecht.

Sebastian Lotzer

Der Memminger Bürger Sebastian Lotzer spielte bei der Zusammenstellung der „12 Artikel” eine zentrale Rolle. Ursprünglich stammte er aus einer angesehenen Familie in Horb am Neckar. Sebastian erlernte – anders als seine studierten Brüder – vermutlich das Handwerk des Kürschners und engagierte sich dann vor allem als Laienprediger und Autor für die Reformation. Mit Flugschriften und teils auch provokativen Aktionen im Stadtraum trug Lotzer zur Verbreitung der evangelischen Lehre in Memmingen bei. 

Als wortgewaltiger, bibelkundiger Laientheologe wurde er vom Baltringer Haufen als Schreiber engagiert und brachte im Rahmen der Memminger Versammlung die Forderungen der Bauern auf den Punkt. Sebastian Lotzer floh Ende April 1525 nach St. Gallen in der Schweiz. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. 

Magdalena Scherer

Magdalena Scherer aus Stuttgart fiel 1525 gleich mehrfach durch außergewöhnliche Protestformen auf: Als der vertriebene Herzog Ulrich – der sich mit den Aufständischen zusammenschließen wollte – vor den Toren Stuttgarts lagerte, ermutigte sie verschiedene Frauen, mit ihr gemeinsam von der Stadtmauer aus die Belagerer anzufeuern. Als kurz darauf die Bauern Stuttgart einnahmen, verspottete sie deren Gegner, den Schwäbischen Bund. Magdalena floh, durfte aber zurückkehren – gegen eine Reihe harter Auflagen.

Wer war nun diese Magdalena Scherer? Mit Sicherheit eine Frau, die Menschen begeistern und mitreißen konnte, wie ihr Protest zeigt.